Theater . zwischen Geschichte und Geschichten
 

Wie steht es heute um die Geschichte in den Theatergeschichten ? In diesen Geschichten, die allzu häufig gleich hinter der Nachbartür enden? Wo die Welt sich in der medialen Realität des Fernsehens höchstens noch spiegelt und in der Seifenblase einer sakrosankten Privatsphäre erstarrt ? Man mag sich in diesen Bildern des Alltags, die das Theater zunehmend auf uns zurückwirft, wiedererkennen oder nicht - so oder so aber scheinen diese klar abgesteckten Welten bei aller Fragilität uns kaum mehr aus dieser individualistischen Blase herauszukatapultieren: An den Bewegungen der Geschichte zerbersten sie nicht ...

 

In der europäischen Theaterlandschaft lässt sich heute ein Verzicht auf umfassendere Perspektiven feststellen. Statt dessen ergreift man die Flucht nach vorn in die bewusst beschränkte Sicht auf die Welt schon deshalb, weil man sich dem Vorwurf der Reduktion nicht aussetzen mag. Die theatrale Geste holt allzu weit mehr aus, der alte Fingerzeig bohrt höchstens noch in kleinen Konflikten nach... Haben Familienzwist und Beziehungsproblematik die Geschichte definitiv von der Bühne gestoßen, da sich das Vertrauen in ihre weiter fassenden Interpretationsmuster längst überholt hat? Hat das Theater sie ganz dem medienpolitischen Diskurs überlassen? Die wesentlichen Fragen zur Geschichte und ihrer Gegenwart sind, wenn nicht alles täuscht, die gleichen geblieben, aber unsere modernen Foren, die Talkshows, haben sich ihrer Entleerung schon angenommen.

 

So hat sich die Talk- und Informationsgesellschaft längst von ihrer Geschichte  verabschiedet. Alle Linien und kontinuierlichen Bewegungen gemeinsamer Zeiterfahrung heben sich auf in der Fülle purer Information. Nichts ist weniger beherrschbar als die Atomisierung der Gegenwart durch die mediale Informationsflut. Und dennoch nährt sie die große Illusion, zu Zeiten des world-wide-web und der globalen Fernsehrealität die große Welt zu überblicken. Alle Information scheint objektiv und frei zugänglich. Jeder Informationsvorsprung bedeutet Macht. Im vehementen Hier und Jetzt der Gegenwart sprengt die Geschichte in Bruchstücke auf, die sich nur noch schwer zu einem großen Bild zusammenfügen lassen. Mit den Fragmenten von Geschichtsbildern lässt sich aber kein breiter politischer oder gar ideologischer Konsens, keine Zugehörigkeit stiften. Als identifikatorisches Moment hat die historische Lektüre der Gegenwart derzeit ausgedient. Mit der utopischen Heimatlosigkeit ist auch die Geschichte visions- und gesichtslos geworden.

 

Wie kann das Theater also Geschichte erzählen, wenn diese sich in bits und bytes der Information zersplittert? Was sollte es fiktional projizieren, wenn globale Visionen nahezu unvorstellbar geworden zu sein scheinen? Mit dem Zusammenbruch der Utopien des zwanzigsten Jahrhunderts fehlt auch den Theatermachern jeder schnelle Zugriff auf Gegenwart und Geschichte. Eine klare, subjektive Haltung hieße Engagement und Parteilichkeit ...für oder gegen wen aber genau, für was konkret und mit welchen Werten? Eine betont objektive Haltung setzte analytische Distanz voraus und die Möglichkeit, das Geschehen zu überblicken. Zu komplex aber scheint die Realität in ihrer globalen Verstrickung, zu wenig gültig der letzte Rest eines Wertekanons, über den sich heute eine Gesellschaft noch verständigt. So muss, wo es keine "Wahrheiten" mehr zu illustrieren gibt, die Kunst den Fragen zur Welt neue Form verleihen. Bestenfalls führte das auch im Theater zur Multiplikation der Perspektiven auf Gegenwart und Geschichte, die keine Antworten festschreiben. Meistenfalls hat es aber in den letzten Jahren dazu geführt, dass auch das Theater den Fokus immer enger zog und die große Weltgeschichte auf kleine Familiengeschichten reduzierte. Im Mikrokosmos den Makrokosmos suchend, landete es beim Marginalen der Gesellschaft. Aus dem menschlich „Abseitigen“ oder sozial Minderheitlichen bezog so mancher Autor seine  Thematik fürs Theater, die sich als eine fundamentale Kritik an der Gesellschaft zwar äußern mag, aber die politische Kampfgeste für eine bessere Welt nicht mehr kennt. So ist eine neue Generation herangewachsen, die zwar ein grundsätzliches Unbehagen an der Gesellschaft teilt ...die aber nicht mehr weiß, welche Gesichter sie ihren Gegnern verleihen soll. Arbeits- und Klassenkampf haben mit ihren Erfahrungswelten nichts mehr zu tun, politische Kategorien oder soziale Strukturen verlieren in der bürgerlichen Gesellschaft an klaren Konturen und Gegensätzen. Auf wenig lässt sich ... jenseits der Codes und des Konformismus von Cliquen - ideelle Identität noch gründen.

 

Dabei braucht gerade das Theater auch Gesichter auf der Bühne, die Erzählung hinter dem allgemeinen Phänomen und konkrete Figuren neben abstrakten Typologien. Aber im Laufe des zwanzigsten Jahrhunderts hat sich die Geschichtsschreibung von der Idee verabschiedet, dass ... große Männer ...Geschichte machen. Wie aber, wenn nicht Janusköpfig, sieht das Gesicht der großen Weltorganisationen und Politverwaltungen aus, des Kapitalismus und seiner Marktmechanismen, die den Lauf der Welt zu bestimmen scheinen? Welche Erzählung kann heute noch einem Geschichtsbegriff beikommen, der zunehmend abstrakt und komplex wird? Freilich lassen sich große Theater-Stoffe - eines Shakespeares zum Beispiel - interpretieren als die Erzählung der Macht, die als "Großer Mechanismus der Geschichte" den Weltenlauf bestimmt. Und doch hat sich das Theater zuletzt mehr und mehr darauf beschränkt, die existenzielle Dimension solcher Macht-Figuren und Konstellationen zu beschreiben. Denn die Hilflosigkeit großer Welterklärungsversuche wirft das Theater und seine Autoren zurück auf den Mikrokosmos Mensch. Statt klaren Setzungen und dramaturgischen Interpretationen werden die Texte vorsichtiger, nicht immer hellhöriger beim Wort genommen. Wo das Theaterkollektiv offensichtlich am Regisseur wieder gescheitert ist, tritt auch das Publikum als eine Menge der Individualisten an, die sich über gemeinsame Erfahrungen schwer nur verständigen können.

 

Wo also holt das Theater seine Zuschauer ab? Welche Geschichte, welche Visionen bestimmen heute den Diskurs der Künstler, auch jenseits der Bühne? Zwar scheint das Theater nicht willens oder in der Lage, Geschichte zu (be)schreiben, geschweige denn zu machen. Der Kompetenz eines Künstlers, seine Rolle innerhalb historischer Prozesse zu reflektieren, tut das allerdings keinen Abbruch. Das Theater, da es sich nun einmal der Illusion entledigt hat, die Welt objektiv erzählen zu können, würde damit zum Ort der konkreten und physischen Erfahrung eben dieser Welt. Und würde sich stets neu dazu befragen, wie Geschichte(n) und Perspektiven eines Gemeinwesens theatral beizukommen sind. Jenseits aller Vielfalt der Formen und persönlicher Werdegänge sind dies die Fragen ans Theater, die uns im "Alten Europa" umtreiben.    

Barbara Engelhardt
 
Dates des débats : Vendredi 12 mars 03 (horaire à confirmer) - Samedi 13 mars 2004 à 15h